Geschichte des Ortes Güstebiese

Karte um 1824

Die Oder mit ihren vielen Nebengewässern im Bruch bot schon vor vielen Jahrhunderten slawischen Fischern ein reiches Fanggebiet. Sie hatten sich in einer nach Südwesten offenen klimabegünstigten Hangmulde an einer starken Flußbiegung angesiedelt, die man die “Große Krümme” nannte. Die Slawen nannten den Ort “Güstebiese”, was heißt: “schmaler Streifen trockenen Landes”.  Güstebiese konnte sich zu einem ansehnlichen Fischerdorf entwickeln, das im 13./14. Jahrhundert – zur Zeit der Ostkolonisation oder Landnahme durch die Askanier – bei den von Westen kommenden Ansiedlern und Rittern Aufmerksamkeit erregte. Eine solche Gruppe wurde hier seßhaft, gelangte zu Einfluß und übernahm den Namen des Oderdorfes als “die von Güstebiese”.

Für die Herrscher der damaligen Zeit stellte das Dorf an der Odergrenze zwischen Neumark und Kurmark eine wichtige politische Position dar. Aufschwung, Wohlleben und Machtzuwachs währten etwa 130 Jahre; dann setzte lockerer Lebenswandel ein, und Schuldenmachen wie auch Gewalttätigkeit führten in den Ruin. Schließlich starb die Sippe ganz aus, und das Dorf kam 1466 an den Johanniter-Orden.

Das Güstebieser Fischerei-Revier und seine Feldmark lagen damals nicht nur auf dem rechten Oderufer, wo sie bis nach Wustrow und Alt Wriezen reichten. Auch auf der linken Oderseite befanden sich ausgedehnte Fluren Güstebieser Fischer und Kossäten, die an Zelliner, Barnimer und Lewiner Gebiet grenzten.

Mit der Anlage des “Neuen Oder Canals” als Hauptprojekt im Zuge der Trockenlegung des Oderbruchs unter Friedrich dem Großen rückt Güstebiese ins Zentrum des Geschehens. 1753 war das Jahr der großen Veränderung: am 2. Juli wird der “Fangedamm” durchstochen. Der Oderkanal verbreitert und vertieft sich überraschend schnell zur Neuen Oder. Der alte Flußlauf mit der “Großen Krümme” wird zur Alten Oder.

Im Jahr 1754 beginnt der Ausbau von Carls Vorwerk (ehemals Bruchvorwerk) zum Rittergut Karlshof. 1756 wird nach heftigem Widerstreit mit dem Herrenmeister des Ordens das markgräfliche Kolonistendorf Neu Güstebiese gegründet. Das erforderliche Land für die Ansiedlungen von Karlshof und Neu Güstebiese wird von der Güstebieser Ordensfeldmark abgetrennt – gegen den Willen des Herrenmeisters Markgraf Carl von Brandenburg-Schwedt, eines Vetters des Königs. Auch die Namensgebung Neu Güstebiese findet nicht seine Zustimmung, so schwelt jahrelang ein Konflikt. Schließlich erkennt der König den guten Willen seines Vetters an und willigt in die Umbenennung von Neu Güstebiese ein: am 6. März 1760 bekommt das Kolonistendorf durch königliche Verfügung den neuen Namen Carlsbiese, den es heute noch trägt, wenn auch als Ortsteil von Neulewin.

Etwa in der Zeit zwischen 1780 und 1820 entstehen im Oderbruch die “Loose”, so auch die der Gemeinde Güstebiese. Durch die Trockenlegung des Bruches werden Sümpfe zu Wiesen, Wiesen zu Weiden, Weiden zu Äckern; die Fischereibereiche schrumpfen entsprechend. Aus ehemaligen Fischern werden Bauern. Man siedelt aus den Dörfern in die Flur zu seinen Feldern.

Mit der Auflösung der Besitzungen des Johanniter-Ordens 1811 war die Geschichte Güstebieses als Ordensdorf beendet. Es wurde – zusammen mit den Güstebieser Loosen – eine selbständige Gemeinde. In den folgenden 50 Jahren vollzieht sich ein gewaltiger Wirtschaftsaufschwung, gekoppelt an neue technische Erfindungen und fortschreitende Industrialisierung sowie Verkehrsentwicklung mit Dampfschiffahrt und modernem Straßenbau.

Fähre um 1935

 

Die Siedlungsentwicklung der Güstebieser Loose ist um 1850 im wesentlichen abgeschlossen. Jetzt wohnen hier etwa 300 Einwohner, während das Stammdorf Güstebiese an die 1000 Einwohner zählt. Mit der starken Wirtschaftsentwicklung und Bevölkerungszunahme entwickelt sich Güstebiese zu einem wichtigen Verkehrskreuz. Als Umschlagplatz und Verladehafen benötigt das Dorf einen leistungsfähigen Fährübergang, um den anwachsenden Straßenverkehr von der Neumark durch das Oderbruch zum Barnim zu bewältigen. Dafür wird ab 1815 eine große Wagenfähre im Tag- und Nachtbetrieb eingesetzt.

 

 

 

Badestrand um 1930

Etwa seit 1900 wurde die Fähre zunehmend für Reisende und Erholungstouristen bedeutsam. Tourismus – das hieß damals “Sommerfrische”, besonders für Berliner Sommergäste, denen im Dorf 5 Gasthäuser, 3 Tanzsäle sowie zahlreiche Pensionen und Privatquartiere zur Verfügung standen. Da der Badestrand auf der dem Dorf gegenüberliegenden Oderseite lag, war die Fähre die wichtigste Übersetzmöglichkeit für die Sommergäste.

Nachdem der erste Weltkrieg einen Rückgang des Tourismus zur Folge hatte , erholte dieser sich in den folgenden Jahren schnell wieder. 1930 wird Güstebiese als Luftkurort staatlich anerkannt.

Seit Anfang der 90er Jahre bemühte sich die Gemeinde Güstebieser Loose um die Wiedereinrichtung des Fährbetriebes nach Gozdowice, um einen touristischen Anziehungspunkt für das Dorf und die Region zu schaffen. Die Überlegungen der Güstebieser Looser Gemeindevertretung, von Vereinen der Region und die Bemühungen einzelner Personen sowie des Amtes Barnim-Oderbruch zum Thema “Fähre” wurden ab 1998 neu aktiviert und führten zu einer verstärkten Kooperation mit den polnischen Nachbarn auf der anderen Oderseite, die im Oktober 2007 in der Wiedereröffnung der Fährverbindung zwischen Güstebieser Loose und Gozdowice ihren ersten Höhepunkt fand.

Wie die Oder-Fährprojekte der vergangenen Jahrhunderte hat auch diese  Wiedereröffnung der Fährverbindung wirtschaftliche Erwägungen zur Grundlage: Touristenströme, Arbeitsplätze, Lehrstellen, Erlöse… Aber ein für uns entscheidender Faktor ist hinzugekommen: die Chance, in unserem Dorf eine Grenze friedlich zu überwinden, unsere polnischen Nachbarn besser kennenzulernen und in unserer ruhigen, flachen Gegend ohne “Leuchttürme”, ohne Meer und Berge, einen Beitrag zur europäischen Verständigung zu leisten, der auf die Naturschönheiten, die kulturellen Leistungen und nicht zuletzt auf das Verständnis der Geschichte dieser Region in Verbindung mit ihrer Gegenwart und Zukunft gegründet ist.

[Text nach: B. Jonas/P. Herbert, Das Fischerdorf an der "Großen Oderkrümme", Manuskript, 2005]